Peter und Luise Hager-Preis 2022 – Nicht-Tun


10 Jahre Peter und Luise Hager-Preis
WS 2021/22

15.02.2022 – 25.02.2022

Vernissage: 11.02.2022 18:00

Arbeiten von

Céline Gieseler, Jihoon Jung, Ivan Labalestra, Carlos Molina, Sarah Niecke, Joohee Oh, Marika Pyrszel, Sandra Romina Pölger, Irina Schulze, Yining Tang


Kurator*innen

Katja Pilisi


Verantwortlich

Prof. Dr. Matthias Winzen

Am 11. Februar 2022 verlieh die Peter und Luise Hager-Stiftung gemeinsam mit der Hochschule der Bildenden Künste Saar zum 11. Mal den Peter und Luise Hager-Preis an HBKsaar-Studierende. Aufgrund der Coronapandemie fand die Verleihung nicht öffentlich statt, Interessierte konnten die Preisverleihung jedoch live über Onlinestream mitverfolgen.

Mit dem 1. Preis wurde Jihoon Jung für seine Animation und Zeichnungen Deaf ausgezeichnet, der 2. Preis ging an Sarah Niecke für die Videoinstallation, Fotografien und Videoperfomance unter dem Titel Sie tun nichts, sie wollen nur spielen!, Irina Schulze wurde für ihr Objekt There is (no) glory in prevention mit dem 3. Platz ausgezeichnet.

Das diesjährige Thema des Hager-Preises lautete »Nicht-Tun«, ein komplexes Thema, das sich mit Fragen in Bezug auf aktives Tun oder der Negation von Aktion und Reaktion beschäftigt. Insgesamt wurden 54 Beiträge eingereicht. Unter diesen Einreichungen wählte die siebenköpfige Jury zehn Finalist*innen aus, die ihre Werke vom 15. bis 25. Februar in der Galerie der HBKsaar und vom 17. März bis 9. April 2022 in der Saarländische Galerie, Berlin präsentierten.

 

Die Preisträger*innen und ihre Werke

Jihoon Jungs (Diplom, Freie Kunst) Stop-Motion-Animation und Zeichnungen “Deaf“ beschäftigen sich metaphorisch mit der Demokratiebewegung in Hongkong (2019). “Deaf“ kommt aus dem Englischen und bedeutet taub. “Taub“ steht bezeichnend für das Schweigen der Medien über die Gewalt in Hongkong zu Beginn der Aufstände. Denn wenn alle sich taub stellen, führt dies zu politischem “Nicht-Tun“. Jungs Arbeits ist aufgeladen mit Symbolen: Seit 2019, dem Jahr der Hongkonger Erhebung, steht die Zeit still. In einem panoptischen Gefängnis dringt ein rotierendes Leuchten albtraumartig in die Gefängniszellen ohne den Insass*innen Erleuchtung zu bringen. Das aus vielen Einzelzeichnungen erzeugte Bildergleiten wird verdichtet durch eine intensive musikalische Untermalung. Die Musik besteht aus  einer Tonvariation der Noten d, e, a, f (= deaf). Die Jury erkannte der  komplexen audio-visuellen Komposition von Jihoon Jung den mit mit 5.000 Euro dotierten 1. Preis zu.

Auch Sarah Niecke (Diplom, Freie Kunst) beeindruckte mit einer außergewöhnlichen Videoperformance: Ein Mensch und ein Hund rangeln um eine “Würstchenkette“. Beide halten jeweils ein Ende des Hundespielzeugs in den Zähnen. Die Arbeit nimmt Bezug auf die geläufige Äußerung von Hundehalter*innen: “Der tut nix, der will nur spielen!” Es geht um die Ebene des Abwägens: Tun sich die beiden, Mensch und Hund, tatsächlich nichts? Denn bei jeder Begegnung zwischen Mensch und Tier bleibt, trotz aller Vertrautheit, eine Grenzüberschreitung bestehen. Indem Sarah Niecke das Verhalten des Hundes im Video spiegelt, findet ein Austausch statt, eine Mikro-Konfrontation des Alltags, die Fragen nach der Mensch-Tier-Verwandtschaft und des miteinander Auskommens stellt. Die Jury war beeindruckt wie lustig und klug dieser Selbstversuch mit Hund geriet und vergab den zweiten Preis an Sarah Niecke, welcher mit 3.000 Euro einhergeht.

Eine ganz unterschiedliche Herangehensweise an das Thema wählte Irina Schulze. Die Meisterstudierende der Freien Kunst setzte sich für den Hager-Preis mit der Coronapandemie auseinander. Sie gestaltet  eine Krone (lateinisch: Corona) aus Corona-Selbsttests, die sie  auf ein samtenes Prachtkissen platziert. Was also zuerst an Reichsinsignien oder eine Reliquie aus karolingischer Zeit denken lässt, ist ganz aktuell und banal aus benutzten Corona-Schnelltests zusammengesetzt. Alle weißen Plastikteile tragen eine handschriftliche Nummerierung. Sie stammen aus einer Grundschule, in der über Monate durch gewissenhaftes Testen und Abstandhalten den Kleinen erspart wurde, isoliert zu Hause bleiben zu müssen. Die unsichtbare Mühe der vielen Namenlosen, die unermüdlich wieder und wieder getestet und geduldig Kinder auf Abstand zueinander gehalten haben, ist beachtlich. Hier geht es um kollektives, stillschweigendes Handeln, das genauso wie herausragende Leistungen einer Einzelperson entsprechend gewürdigt werden muss - und sei es nur durch eine Krone aus abgenutztem Plastik. Die spielerisch-witzige und doch nachdenkliche Verkehrung und Verschränkung von pathetischer Symbolik mit scheinbar unwichtigen Alltagsmaterialien überzeugte die Jury und sprach Irina Schultze den mit 2.000 Euro dotierten 3. Preis zu.

Neben den drei Preisträger*innen wurden in der Ausstellung die Werke der Finalist*innen Carlos Alberto Molina Castillo, Céline Gieseler, Ivan Labalestra, Johee Oh, Sandra Romina Pölger, Marika Pyrszel und Yining Tang gezeigt. Sie erhielten jeweils eine Aufwandsentschädigung von 500 Euro.

Zu den diesjährigen Jurymitgliedern zählten Evi Hager (Peter und Luise Hager-Stiftung), Susanne Trockle (Peter und Luise Hager-Stiftung), Dr. Andrea Weber (Saarländische Galerie, Berlin), Dr. Sebastian Baden (Kunsthalle Mannheim) und von der HBKsaar Prof. Dr. Matthias Winzen, Prof. Ivica Maksimovic und Prof. Georg Winter.

Abbildungen